Hallo,

gestern erörterte ich meine Obsession mit Fitness, Schönheit und Aussehen. An den Eintrag von gestern anschließend, möchte ich nun weiter über Andy Warhol sprechen.

Andy Warhols Sicht auf die westliche Konsumgesellschaft ist sehr interessant. Die Dinge sind schnelllebig und trivial geworden. 

Andy Warhol berichtete uns dies bereits vor 50 Jahren: “Als ich meinen ersten Fernseher bekam, hörte ich auf Interesse an Beziehungen zu haben”.

Er lud “talentierte Persönlichkeiten” – Drag Queens, Musiker, Künstler, Drogensüchtige und andere “Stars” in sein Studio ein. Diese Leute, ihre fröhliche, vergnügte Art, Nacktheit und Drogen kreierten eine Atmosphäre für Skandale. Andy Warhol profitierte von Skandalen.

Andy Warhol inszenierte die Wahrheit. Seine Kommentare waren kurz, einfach, maschinenartig, geprägt von Langeweile und wiederholten sich häufig. Andy Warhol selbst blieb dabei zumeist hinter den Szenen, die Kontrolle über die Darstellung behaltend. Er zeigte und verwendete die Reallität (welche er zum Teil selbst kreierte oder inszenierte – ähnlich dem Format von “Reality TV” wie “Big Brother”) für seine Ziele.  Als er ein Kind war, konnte Andy Warhol gut zeichnen. In den 1950er Jahren gestaltete er die Auslagen von Geschäften und machte sehr schöne Tusche Zeichnungen. Später wurde er von dem Galeristen Leo Castelli entdeckt und sehr erfolgreich.

Der formale Aspekt seiner Arbeiten ist gepägt von Pop: mutig, sich wiederholend, maschinenartig, künstlich, oberflächlich, bunt und glamourös. Die Methode des Siebdrucks ermöglichte Andy Warhol eine Perfektion des Bildes zu erzielen, bei der gewünschten Anzahl der immer gleichen Bilder, die seine Botschaft zu Ausdruck brachten: Das Zeitalter der Popkultur und des Kommerz hat begonnen – auch in der Kunstwelt. Billige, einfache Gegenstände des Alltags wie Suppendosen oder Seife wurden nun in Kunsterke verwandelt.

Andy Warhol entwickelte eine Struktur, die es ihm ermöglichte Kunst schnell zu produzieren, mit geringen Kosten, in der jeweils gewünschten Menge, um auf diese Weise ein Maximum an Werken zu schaffen. In seiner Art und Denken spiegelte Andy Warhol die Entwicklung der Gesellschaft: “Ich liebe Los Angeles. Ich liebe Hollywood. Sie sind schön. Jeder ist Plastik, aber ich liebe Plastik. Ich will Plastik sein”.

Andy Warhols Ansatz den Wert seiner Kunstwerke zu erhöhen war innovativ. Die “Factory” und die Persönlichkeiten, die ein Teil der “Factory” waren (zum Beispiel Edie Sedgwick, Gerald Malanga, Ondine, mehrere Drag Queens, Nico, Baby Jane Holzer, Bibbe Hansen) wurde bewusst eingesetzt als “Werkzeuge des Marketing”, passend zu dem Konzept “alles” zu verkaufen, indem man Dinge als “Kunstwerk” bezeichnet. Der experimentelle und politische Aspekt seiner Arbeit ist irritierend. Genau das macht Andy Warhol so interessant. Denn mit seiner Arbeit sprach er ganz unterschiedliche Leute an.

Einerseits war ein Popkünstler, der kraftvolle, bunte Portraits von Stars wie Jackie Kennedy, Mao Tse Tung und Marilyn Monroe schuf. Andererseits konfrontierte er die Monotonie und die Langeweile des Lebens mit Kommentaren zur Politik. Die Langeweile des Lebens, die er porträtiert, ist zum Teil auch reflektiert in seinen Filmen “Sleep”, “Eat” und “Blow Job”. Ein anderes, offensichtliches Beispiel von Langeweile und Sinnlosigkeit ist jenes Video über das Essen von einem Hamburger.

 Andy Warhol behauptete: “In der Zukunft wird jeder für 15 Minuten weltberühmt sein”.

Heutzutage ist es für jeden möglich für 15 Minuten weltberühmt zu sein, auch wenn es viel Ehrgeiz und Aufwand braucht, um dieses Ziel zu erreichen. Es wäre interessant zu erfahren, wie Blogger, die hart arbeiten, um diese 15 Minuten der Berühmtheit (oder der Aufmerksamkeit) zu erreichen, über Andy Warhols Aussage denken.

Weitere Gedanken über Andy Warhol:

a. Die Perücke (heute verändern Künstler, insbesondere Frauen, ihren Körper mit weit mehr als nur einer Perücke, durch Silikonbrüste, Fettabsaugung, Haarverlängerung, Pigmentierung der Augenbrauen, – bereits damals zeigte Andy Warhol der Welt, dass ein Star zu sein bedeutet eine cyber – ähnliche Person zu werden, unwirklich, wie Plastik).

b. Das androgyne Aussehen: zwischen Mann und Frau ( wie Michael Jackson)

c. Die silberne Folie in der “Factory” (Silber repräsentiert Dekadenz und einen sorglosen und hemmungslosen Raum für radikale Sexualität, Überschreitung, Feiern, Drogen und Geld)

d. Sein Interesse und die Fähigkeit Skandale zu provozieren (Skandal =Freiheit, Freiheit = Ehrlichkeit).

e. Die Art, wie Leute in der “Factory” porträtiert und in Stars verwandelt wurden (Voyerismus: Ein tief verwurzeltes Bedürfnis (wirkliche) Geschichten zu erzählen.

f. Andy Warhol’s Nähe zu Glamour (Hypothese: Ein Star und ALLES neben einander zu stellen bewirkt, dass ALLES glamourös wird ?

g. Er zeigte, dass unser Leben von Schönheit, Geld, Diät, Oralverkehr, Essen und Schlafen besteht. Die beste Form die Realität wahrzunehmen ist mittels eine Bildschirm. Das erkannte er schon vor 50 Jahren !

Seine umfassende Beurteilung des des Lebens. Andy Warhol sagte:

“Ich bin eine zutiefst oberflächliche Person”

“Ich mag langweilige Dinge”

“Filme bestimmen Amerika, seit ihrer Erfindung. Sie zeigen dir, was du mache sollst, wie du es machen sollst, wann du es tun sollst, wie du empfinden sollst und wie deine Empfindung aussehen sollte”

“Ich glaube nie, dass Menschen gestorben sind, Sie gehe nur zu Warenhäusern”.

“Ich fragte 10 oder 15 Leute nach Vorschlägen. Schlussendlich fragte eine Frau die entscheidende Frage: “Was liebst du am meisten?” Das war der Beginn für mich Bilder von  Geld zu malen”.

“Ich befürchte, wenn man ein Ding länger anblickt, verliert es seine Bedeutung”.

“Ich bin der Typ, der froh ist nirgendwo hinzu gehen, so lange ich sicher sein kann, dass ich genau weiß, was passiert an den Orten, bei denen ich nicht bin. Ich bin der Typ, der gerne zu Hause sitzt und jede Party, zu der ich eingeladen bin, auf einem Bildschirm in meinem Schlafzimmer ansieht.”

“Mitarbeiter sind die beste Wahl für ein Rendezvous. Du musst sie nicht abholen und man kann sie immer von der Steuer absetzen”

Auf dieser Internetseite finden Sie weitere Zitate von Andy Warhol.

Um einen größeren Einblick in Andy Warhols Leben zu ermöglichen habe ich 29 Seiten in den oberen Teil des Eintrags beigefügt. Dieser Text war Teil eines Forschungsprojekts über Andy Warhol, das ich 1991 im Kunstunterricht an meiner Schule durchführte.

Bitte erzählen Sie mir, wie Sie über Andy Warhol denken und welche Aspekte ich in diesem Eintrag ausgelassen habe. Zudem würde es mich interessieren Ihre Meinung zu erfahren über das Berühmtsein für 15 Minuten.

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Ausstellung im September 2008 in LINZ. Adresse: Wimhölzelstr. 23, 4020 Linz, Tel. 0664 1329899 office@mediensalon.at), Eröffnung am Freitag 12. September 19:00.

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Ein kompletter Überblick über alle Arbeiten von Nina Levett. Anbei der begleitende Text zur Ausstellung von Christian Schrenk, www.mediensalon.at

Die Arbeiten von Nina Levett sind dekorativ. Auf den ersten Blick. Die Arbeiten von Nina Levett sind aufregend. Auf den zweiten Blick. Die Arbeiten von Nina Levett sind voller Spannung, wenn man sich unter die Oberfläche wagt.

Oberflächen haben etwas Verführerisches an sich. Nur all zu gern bleibt man an ihnen hängen, begnügt sich mit ihrer ästhetischen Komponente und sie lassen die Betrachter in der trügerischen Sicherheit und Wohligkeit einer heilen Welt. Das dekorative Element genügt, die Erfüllung der Ansprüche ist gewährleistet, man kann sich beruhigt der Diskussion um Style und Prestige hingeben.

Das ist die eine Komponente der Arbeiten von Nina Levett. Angesiedelt in der problemlosen Welt schöner Dinge und edler Ausstattung sprechen die modularen Wallpapers die Sprache der Designmagazine, der Haute Couture und der High-End interiors. Der zweite Blick eröffnet in der Betrachtung der Sujets einen Spalt weit die Welt unter der Oberfläche.

Als die Pornokönigin Annie Sprinkle Mitte der 1990er Jahre in ihren Performances ihr Innerstes, nämlich ihre Cervix, einem weltweiten Publikum vorstellte, waren rosa Punkte eine Ikone bedingungsloser Weiblichkeit im Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmtheit, Exploitation und Fruchtbarkeit. Den Phasen von riesenbrüstigen Frauengestalten und rosa Punkten folgen bei Nina Levett neben organisch rankenden floralen Designs Ströme von Spermien, die in hübscher Wohlgeordnetheit über die modularen Wandpaneele schwirren und ein harmloses Bild ordentlicher Spaziergänger in einer noblen Shoppingmall vorgeben. Synchronschwimmerinnen gleich wuseln sie daher und tun so, als wären sie gestische Komponenten eines codierten grafischen Ausdrucks. Beistriche mit Schwänzchen, aus denen sich eben dekorative Muster zusammensetzen.

Einen weiteren Lichtstrahl in diese seltsame, oberflächlicher Weise nur oberflächlich betrachtete Geschichte bringt ihr jüngster Werkzyklus „housewife camouflage“  mit leichter Modezeichnerinnenhand die lästige alltägliche Gegenwart einer beliebten weiblichen Rollenzuschreibung zum Verschwinden bringt. Durch Design verschmilzt die Frau mit ihrer scheinbar „natürlichen“ Umwelt, um erst wieder entweder als Hure oder als Gebärerin in Erscheinung zu treten.

Nina Levett spielt diesen Diskurs dabei höchst dialektisch. Als Frau bedient sie mit ihren Arbeiten durchaus eine Männerwelt und ihr Frau-Sein spielt dabei auch in der Selbstinszenierung eine wichtige Rolle. Ihr einen feministischen Ansatz im klassischen Sinn zu unterstellen, ist zu weit gegriffen. Ihr aber eine Auseinandersetzung mit tradierten Rollenbildern zuzuschreiben scheint unter den erwähnten Gesichtspunkten legitim.

Was ein Betrachter in ihren Arbeiten mitverfolgen kann, ist eine Echtzeit-Dokumentation eines Zerbrechens an Rollen- und Geschlechterbildern und an Erwartungshaltungen ihr selbst und ihren Geschlechtsgenossinnen gegenüber. Ein Zerbrechen und ein Kampf dagegen. Mit den Mitteln der Unterwanderung, der Vereinnahmung, der Spekulation und der Täuschung, also mit den ureigensten Mitteln der Kunst. Möglicherweise ein virtuoses Spiel mit Ambivalenzen, möglicher Weise auch ein dramatisches Getrieben sein, ein Dasein als Spielballs der Gewalten. Ob diese nun „Schmerz“ heißen oder „Rollenerwartung“, „Sehnsucht“ oder „Liebe“ lässt sich bei einer komplexen Persönlichkeit, wie Nina Levett eine ist, schwer einschätzen.

Noch eine wesentliche Eigenschaft haben Oberflächen: sie schützen. Mit Bootslack sind einzelne Chargen ihrer rosa Punkte-Wallpapers und ihrer floralen Designs überzogen. Heute, nach Jahren, zeigt sich der Schutz verwittert und angegilbt. Nicht nutzlos. Er schützt noch immer. Aber er macht das Wesen ihrer Arbeit sichtbar. Unter der Oberfläche!

Christian Schrenk, Mediensalon, Linz, Juli 2008

 

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